Auf einem beigefarbenem Teller liegt ein kleiner Globus, neben dem eine Gabel und ein Löffel liegen.

Die Debatte um die Planetary Health Diet: klimafreundlich und gesund?

In der Debatte zeigen wir die Positionen wichtiger Akteure der Ernährungsszene: Stimmen aus Wirtschaft, Politik, Verbraucherschutz, Non-Profit-Organisationen oder der Forschung. Die Statements beziehen sich auf das jeweilige Thema in der Rubrik Forschungsstand. Redaktionen dürfen die Texte verwenden, wenn sie den Ernährungsradar als Quelle nennen.


Inhalt


„Es ist möglich, sich vegetarisch gesund und ausgewogen zu ernähren“

Dr. Peter von Philipsborn, mit kurzen Haaren und Brille mit dunklem Rahmen, steht auf dem Rasen, im Hintergrund sind Bäume und ein großes Gebäude.

Dr. Peter von Philipsborn, Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), zu den Auswirkungen der Planetary Health Diet auf die menschliche Gesundheit:

„Die überwiegend pflanzenbasierte Planetary Health Diet deckt sich weitgehend mit den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Beide betonen, dass Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte sowie Nüsse und Samen den Hauptteil unserer Nahrung ausmachen sollten. Ein Unterschied besteht darin, dass die DGE einen etwas höheren Milchkonsum empfiehlt.

Fleisch nur in Maßen

Auch Fleisch kann Teil einer ausgewogenen Ernährung sein, sollte aber nicht in zu großen Mengen verzehrt werden – die DGE empfiehlt maximal 300 bis 600 Gramm pro Woche. Auch die Planetary Health Diet sieht eine ähnliche Obergrenze vor.

Es ist aber auch möglich, sich vegetarisch gesund und ausgewogen zu ernähren – Fleisch ist also kein Muss. Tatsächlich ist der aktuelle Fleischkonsum in Deutschland im Schnitt deutlich höher als empfohlen. Menschen, die viel Fleisch essen, können gesundheitlich profitieren, wenn sie Fleisch durch gesunde pflanzliche Lebensmittel ersetzen.

Planetary Health Diet könnte Treibhausgasemissionen halbieren

Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung bietet Vorteile für die Umwelt. Ein Viertel bis ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen sind auf die menschliche Ernährung zurückzuführen. Durch eine pflanzenbetonte Ernährung entsprechend den Empfehlungen der Planetary Health Diet ließen sich die ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen halbieren, so wird geschätzt. Auch 10 bis 20 Prozent aller Todesfälle weltweit ließen sich dadurch vermeiden – bei gleichzeitiger Verbesserung des Tierwohls.

Für pflanzliche und tierische Nahrungsmittel gilt gleichermaßen: frische und gering verarbeitete Produkte sind meist gesünder als hoch verarbeitete Lebensmittel, die oft viel Zucker, Salz und Fett und nur wenig gesunde Inhaltsstoffe enthalten. Allerdings gibt es auch bei den verarbeiteten Lebensmitteln große Unterschiede. Hier kann der Nutri-Score helfen, gesündere von weniger gesunden Produkten zu unterscheiden.“


Biohof oder konventioneller Milchviehbetrieb – wer liegt beim Klimacheck vorn?

Porträtfoto von Monika Zehetmeier auf einer grünen Wiese.

Dr. Monika Zehetmeier, Agrarwissenschaftlerin von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), Arbeitsgruppe Klimawirkung und Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Systeme

„Bei der Produktion von Milch entstehen auch Treibhausgase in Form von Methan, Lachgas und CO2. Doch es gibt Möglichkeiten, diese Emissionen mit Hilfe von Klimaschutzmaßnahmen zu minimieren. Entscheidender als die Frage, ob ein Betrieb nach Biostandards produziert oder ganz konventionell arbeitet, ist vielmehr das Engagement des einzelnen Landwirts. Also die Bereitschaft, sich Gedanken zu machen über Kreisläufe und Einsparmöglichkeiten von Treibhausgasen.

Mithilfe des neuen Online-Klimachecks der LfL können Landwirte die größten Hebel für den Klimaschutz auf ihrem Betrieb ermitteln. Eingegeben wird dabei beispielsweise die durchschnittliche Milchleistung der Kühe, die verbrauchten Mineraldünger-Mengen, wie oft das Gras gemäht wurde und auch, wie alt die Kühe sind, bevor sie geschlachtet werden. All diese Faktoren wirken sich auf den ökologischen Fußabdruck des Betriebes aus. Und so können Landwirte ermitteln, wie viel Treibhausgase pro Liter Milch oder pro Kilo Fleisch bei ihnen anfallen. Und dabei ist es oft so, dass ganz unterschiedliche Betriebstypen gut abschneiden.“

Zum „LfL Klima-Check Landwirtschaft“ Tool: https://www.lfl.bayern.de/iba/agrarstruktur/296549/index.php

Prof. Dr. med. Hans Hauner hat die Frage beantwortet, ob Pflanzendrinks aus gesundheitlicher Sicht als Milchersatz taugen. Die Antwort steht hier: https://www.ernaehrungsradar.de/milch/debatte-milch/#taugen-pflanzendrinks-als-milchersatz

Infografiken zum Ökologischen Fußabdruck verschiedener Lebensmittel, einschließlich der Tomate, finden Sie im Medienservice.

Planetary Health Diet – Was lässt sich regional wirklich umsetzen?

Porträtfoto von Professorin Hannelore Daniel.

Prof. Dr. Hannelore Daniel, Professorin emeritus für Ernährungsphysiologie an der Technischen Universität München; wissenschaftliche Beraterin

„Die Empfehlungen der EAT-Lancet-Kommission zur Planetary Health Diet (PHD) sind natürlich nur als Rahmen zu verstehen und bieten bzw. verlangen spezifische Anpassungen an die Bedingungen in einem Land, einer Region oder an eine Bevölkerungsgruppe.

Besonders im öffentlichen Diskurs wird jedoch die PHD häufig so verstanden, dass die Zufuhrmengen für einzelne Lebensmittel bzw. Lebensmittelgruppen – wie ausgewiesen – umgesetzt werden sollten. Die empfohlenen Verzehrmengen der verschiedenen Lebensmittelgruppen – würde man sie in Deutschland umsetzen wollen – würden markante Konsequenzen für das gesamte Versorgungssystem haben. Ich nehme die Beispiele 300 g Gemüse, 200 g Obst, 75 g Leguminosen (Hülsenfrüchte) und 50 g Nüsse pro Tag. Der Selbstversorgungsgrad in Deutschland liegt derzeit bei Obst bei 20 %, bei Gemüse bei 38 %, bei Leguminosen bei 62 % und bei Nüssen praktisch bei null.

Planetary Health Diet nur mit mehr Importware umsetzbar

Dies bedeutet, dass wir mit einem Anteil pflanzlicher Lebensmittel von gegenwärtig 70 Prozent in der Kost auf umfangreiche Importe aus diversen Weltregionen angewiesen sind. Viele dieser Anbauregionen wie beispielsweise Apulien in Italien, die Küstenregionen in Südspanien oder auch Südamerika haben bereits heute Probleme mit der Wasserversorgung, mit diversen Umweltbeeinträchtigungen sowie mit vielfach prekären Lebensbedingungen für die Erntehelfer.

Das Szenario einer Umsetzung der PHD mit den oben genannten Mengen von Obst, Gemüse, Leguminosen und Nüssen würde bedingen, dass wir die doppelte Menge an Gemüse (ca. 7,45 Mio. Tonnen), die 4,7-fache Menge an Obst (ca. 6,2 Mio.) Tonnen, die 3,3-fache Menge an Hülsenfrüchten (ca. 1,86 Mio. Tonnen) und rund 1,24 Millionen Tonnen Nüsse bereitstellen müssten. Bereits heute importieren wir rund 460.000 Tonnen Nüsse pro Jahr (Statista). Diese Abschätzungen basieren auf dem zu erwartenden Konsum nur durch Erwachsene (im Alter von 20 bis 69 Jahren), ohne Senioren und Kinder, und sind damit unterschätzende Mengen.

Es ließen sich jedoch durch den deutlich reduzierten Konsum von tierischen Produkten recht große Ackerflächen für den Anbau von z. B. Leguminosen freisetzen, die uns von Importen unabhängig machen würden. Auch beim Gemüse (mit saisonaler Ernte der Frischware) mag ein höherer Selbstversorgungsgrad ermöglicht werden. Dennoch werden wir vermutlich sehr viel größere Mengen als bisher an Obst, Gemüse und Nüssen importieren müssen und verlagern damit einen Teil der Umweltprobleme in die Lieferländer.

Umstrukturierung des Lebensmittelsystems notwendig

Dies lässt sich weder mit dem Anspruch der Nachhaltigkeit und dem Ziel einer gerechteren Welt vereinbaren, noch wird man damit ein resilienteres Ernährungssystem schaffen. Aus meiner Sicht bedarf es daher dringend einer nationalen, umfassenden und konkreten Strategie, das Lebensmittelsystem zu transformieren – und diese muss sehr viel mehr Dimensionen sowie Einfluss- und Effektgrößen berücksichtigen. Es geht um sehr viel mehr, als nur tierische Produkte zu substituieren. Die wohl 2024 vorgelegte Ernährungsstrategie der Bundesregierung wird zeigen, inwieweit sie einem solchen Anspruch gerecht wird.“

Der Selbstversorgungsgrad in Deutschland

In der bunt gestalteten Balkengrafik ist zu erkennen, dass wir Fleisch, Milch, Kartoffeln, Zucker und Getreide exportieren, Gemüse, Obst, Eier und Honig aber in großen Mengen importieren.
Quelle: Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL)

Bei Obst konnte 2021 der Bedarf in Deutschland gerade mal zu einem Fünftel aus heimischer Erzeugung gedeckt werden. Knapp doppelt so hoch lag der Anteil bei Gemüse. Anders sieht es bei Kartoffeln aus: Hier lag der Selbstversorgungsgrad 2021 bei 150 Prozent. Auch bei Zucker, Fleisch, Milch und Getreide übersteigt die Erzeugung den Bedarf.

Aus welchen Ländern stammt unser Obst?

Die Grafik zeigt vier bunte Kreisdiagramme, die zeigen, aus welchen Ländern wir Bananen, Äpfel, Orangen und Wassermelonen jeweils in welchen Mengen importieren.
Quelle: Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL)

Nur ein kleiner Teil des Obstes, das wir in Deutschland verbrauchen, wird hierzulande erzeugt, sodass große Mengen aus dem Ausland importiert werden müssen. Das mit Abstand wichtigste Importobst sind Bananen. Auf den weiteren Plätzen folgen Tafeläpfel, Orangen und Wassermelonen. Sie stammen zumeist aus Spanien oder Italien.

„Vor der Umstellung des Ernährungssystems muss die Umstellung der Landwirtschaft stehen“

Porträtfoto von Britta Klein

Britta Klein, Bundeszentrum für Ernährung (BZfE), Referat 613 – Ernährung und Klima.

„Die Planetary Health Diet (PHD) ist aktuell in aller Munde.

„Unsere natürlichen Ressourcen sind längst erschöpft. Wenn wir die Agrarökosysteme so erhalten wollen, dass wir überhaupt noch genügend Lebensmittel weltweit produzieren können, müssen wir die planetaren Grenzen kennen und berücksichtigen. Sechs von neun Grenzen sind bereits überschritten.“

„Im Grunde das, was die EAT-Lancet-Kommission erarbeitet hat?

„Die EAT-Lancet-Kommission hat hierfür eine umfassende Strategie erarbeitet. Das Modell der Planetary Health Diet ist ein Vorschlag, wie eine Ernährungsweise aussähe, die es ermöglicht, bis 2050 alle Menschen der Erde gesund und nachhaltig zu ernähren.“

„Und was halten Sie davon?“

„Eine grundlegende Umstellung der Ernährungsweise ist alternativlos. Hier handelt es sich erst einmal um ein Modell. Ein sogenannter Flexitarier (also eine Person, die nur gelegentlich und wenig Fleisch isst) käme prima damit zurecht. Und dies ist auch eine Ernährungsweise, die den momentanen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) weitgehend entspricht. Die Realität sieht jedoch anders aus.“

„Was meinen Sie damit?“

„Ganz einfach, die Menschen in Deutschland essen deutlich mehr Fleisch (120 statt 40 Gramm pro Tag), als die PHD erlaubt. Bei Gemüse ist es umgekehrt: Hier liegt der Durchschnittsverzehr bei 120 Gramm pro Tag statt der empfohlenen 300 Gramm.“

„Also liegen Wunsch und Wirklichkeit weit voneinander entfernt?“

„Definitiv ja! Und das Fatale ist: Die Landwirtschaft wurde von denen, die jetzt fordern, dass wir uns möglichst bald so ernähren sollen, vollkommen vergessen. Sinnvoll wäre, zuerst einmal zu betrachten, ob und wie schnell all diese Empfehlungen im Sinne einer möglichst regionalen Ernährung auf deutschen Äckern überhaupt umzusetzen wären.“

„Wäre es möglich?“

„Dafür brauchen wir Zeit! Aktuell werden auf Dreiviertel des deutschen Ackerlandes sechs Kulturpflanzen angebaut, vor allem Weizen, Mais, Gerste und Raps – und in einem großen Umfang für den Futtertrog. Gemüse belegt nur ungefähr ein Prozent der Fläche. Fazit: Weniger Anbau für den Futtertrog und mehr für die menschliche Ernährung.“

„Das ist wenig!“

„Unsere Landwirtschaft braucht viel Vorlauf, um den Anbau umgestalten zu können. Welche Anbauflächen sind überhaupt für den Anbau von Gemüse geeignet? Beispielsweise ist es in Teilen Bayerns mit einem hohen Grünland-Anteil nicht so ohne Weiteres möglich, deutlich mehr Obst, Salat oder Gurken anzupflanzen. Und wir wollen ja auch Dauergrünland erhalten – schon zum Schutz der Artenvielfalt und des Klimas. Nuss- und Obstbäume müssten gepflanzt werden, die brauchen teilweise viel Zeit, bis sie tragen.“

„Also ist eine Umstellung von jetzt auf gleich gar nicht möglich?“

„Wenn wir regionale Wirtschaftskreisläufe anstreben, dann eher nicht. Wenn sich sehr viele Verbraucher in kurzer Zeit umorientieren, würden sie vermutlich vor leeren Supermarktregalen stehen. Der Selbstversorgungsgrad beim Gemüse liegt aktuell bei etwas über 30 Prozent, beim Obst gerade mal bei 20 Prozent. Das bedeutet, mit dem Obst, das wir hierzulande produzieren, kann gerade mal ein Fünftel der Bevölkerung ernährt werden.“

„Was würde im Anschluss passieren?“

„Vermutlich würde es nicht allzu lange dauern, bis uns die „Global Player“ wie China mit den fehlenden Äpfeln, Beeren, Nüssen oder Gemüse beliefern würden. Für das Vorantreiben einer klimafreundlichen, regionalen, standortangepassten Landwirtschaft hier in Deutschland wäre dieses Szenario aber kontraproduktiv.“

„Gibt es eine Lösung?“

„Wie wahnsinnig nah die Klimakrise auch für die Versorgung mit Lebensmitteln ist, ist vielen Verbrauchern bisher nicht klar. Der Zusammenhang zwischen tierischen Lebensmitteln und deren Klimawirkung ist einigen sehr bewusst, vielen aber eher egal. Wir stellen mehr und mehr fest: Die Menschen verzichten vor allem aus gesundheitlichen Gründen auf Fleisch. An zweiter Stelle kommen Tierwohl und Tierschutz und erst an dritter Stelle das Thema Nachhaltigkeit und Klima. Und auch eine sogenannte ‚Tierschutzsteuer’“ würde (laut einer Umfrage) von den Verbrauchern viel eher akzeptiert werden als eine ‚Klimasteuer‘.“

„Würde ein Klimasiegel helfen?“

„Hier bin ich skeptisch. Jede Verpackung ist bereits vollgepflastert mit unzähligen Siegeln. Da verliert man doch vollkommen den Überblick. Man müsste wohl zuerst einmal das Kennzeichnungsrecht entrümpeln, bevor man noch etwas draufpackt. Außerdem gibt es noch kein überzeugendes Modell dafür, wie so etwas aussehen müsste, um verlässliche Orientierung zu geben.“

„Was würde kurzfristig und effektiv etwas bringen?“

„Regulatorische Maßnahmen, also zum Beispiel in Form einer Extra-Abgabe auf Fleisch oder eine niedrigere Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse, werden diskutiert, sind aber derzeit politisch nicht konsensfähig. Für den Anfang würde es schon genügen, wenn sich die Verbraucher in kleinen Schritten den Empfehlungen der Planetary Health Diet nähern würden.“

„Also bis unsere Landwirtschaft so weit ist?“

„Genau. Eine klimafreundlichere Ernährung ist auch schon mit kleinen Änderungen möglich. Da ist schon mal viel gewonnen. Die EAT-Lancet-Strategie ist absolut plausibel und orientiert sich an den Grenzen der Erde, ist aber im jetzigen Ernährungssystem nur schwer umsetzbar.“


„Die Planetary Health Diet ist viel mehr als ein Speiseplan“

Porträtfoto von Guido Reinhardt: Er hat kurze, graumelierte Haare, eine randlose Brille, ein gestreiftes Hemd, ein breites Lächeln und im Hintergrund sind Blätter zu sehen.

Dr. Guido Reinhardt vom Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu), Heidelberg.

„Die CO2-Bilanz ist ein entscheidendes Kriterium, um die Klimabilanz von Lebensmitteln bewerten zu können. Für den gesamten ökologischen Fußabdruck spielen aber auch andere Faktoren eine Rolle.

So müssen neben der Größe der Anbaufläche auch der Wasser- und Energiebedarf und die benötigten Düngemittel berücksichtigt werden. So haben beispielsweise Rindfleisch oder Reis nicht nur einen hohen Klimaeffekt, sie benötigen für die Erzeugung zusätzlich sehr viel Dünger und Wasser. Wenn man es so betrachtet, macht es also durchaus Sinn, den Fleischkonsum zu reduzieren und sich eher pflanzenbetont zu ernähren. Das gilt auch für Milch: Pflanzendrinks auf Haferbasis liegen hier in puncto Nachhaltigkeit weit vorne. Sie besitzen nicht nur einen günstigeren CO2-Fußabdruck (0,3 statt 1,4 kg CO2-Äquivalente (CO2e) pro kg Lebensmittel), sie haben auch aufgrund ihres Wasserfußabdrucks eine deutlich bessere Umweltbilanz als Kuhmilch.“

Also ist eine vegetarische Ernährung besser fürs Klima?

„In jedem Fall! Entscheidend ist hierbei aber die Kombination aus regionalem und zugleich saisonalem Obst und Gemüse. Gerade letzteres ist wichtig, denn Äpfel aus der Region schneiden hinsichtlich ihrer Klimabilanz an bestimmten Zeitpunkten im Jahr sogar schlechter ab als Äpfel, die mit dem Schiff von Neuseeland nach Deutschland transportiert werden. Das ist in den Randmonaten wie Januar oder Februar der Fall, wenn die im Oktober geernteten Äpfel eine energieintensive Kühllagerung von 5 Monaten hinter sich haben, um außerhalb der Saison frisch und knackig verkauft werden zu können.“

Regionale Produkte haben also nicht unbedingt eine bessere Klimabilanz?

„Nein. Die Umwelt- und Klimabilanz hängt oft weniger am Produkt selbst als daran, wo und wie diese Produkte angebaut und danach transportiert und verpackt wurden. Einwegglas und Konservendosen verursachen teilweise einen vielfach höheren Umweltfußabdruck als alternative Verpackungen wie Verbundkarton oder Standbodenbeutel. Viele Menschen halten Bioprodukte insgesamt für klimafreundlicher als konventionell erzeugte Lebensmittel. Das stimmt aber nicht immer. Fleisch, Milch und Eier aus Biolandwirtschaft stehen beim Klimaeffekt manchmal schlechter da als tierische Produkte aus konventioneller Landwirtschaft. Das liegt daran, dass Biobetriebe mehr Fläche benötigen, weil sie geringere Erträge erwirtschaften. Das kann zu stärkeren CO2-Emissionen führen. Trotzdem empfehlen wir, Bio-Lebensmittel zu kaufen, denn die etwas höheren Werte werden durch den deutlich geringeren Pestizideinsatz, nachhaltigere Bodenbewirtschaftung und größere Artenvielfaltviel mehr als wettgemacht.“

Was sind aus Ihrer Sicht die 5 klimafreundlichsten und die 5 klimaschädlichsten Lebensmittel?

Die 5 klimafreundlichsten Lebensmittel

  • Karotten und Weißkohl: Frisch und unverpackt haben sie den niedrigsten CO2-Fußabdruck von allen 200 untersuchten Lebensmitteln: Bei der Produktion von 1 kg entstehen 0,1 kg CO2.
  • Obst und Gemüse der Saison: Saisonal geerntete Äpfel und Beeren, aber auch Gemüse wie Brokkoli, Lauch, Zucchini, Spinat, Kartoffeln oder Kürbis, haben alle einen CO2-Fußabdruck von höchstens 0,3 kg.
  • Milchersatzdrinks: Bei der Herstellung von Pflanzendrinks aus Hafer, Dinkel oder Mandeln (0,3 kg CO2e) wird deutlich weniger CO2 freigesetzt als bei der Produktion von Kuhmilch. (Achtung: Mandeldrink hat aufgrund des hohen Wasserverbrauchs einen eher großen ökologischen Fußabdruck.)
  • Brot und Getreideprodukte: Mit 0,6 kg CO2e zählt auch Brot zu den klimafreundlichen Lebensmitteln. Gleiches gilt für andere Getreideprodukte wie Nudeln oder Bulgur.
  • Pflanzliche Proteinquellen: Soja, Linsen oder Nüsse sind in der Klimabilanz tierischen Produkten weit überlegen. Bei der Produktion von getrockneten Linsen fallen pro Kilo beispielsweise 1,3 kg CO2e an, bei Erdnüssen nur 0,8 kg.

Die 5 klimaschädlichsten Lebensmittel

  • Flug-Ananas: Der CO2-Fußabdruck liegt bei 15,1 kg CO2e. Wird Ananas mit dem Schiff in unsere Supermärkte transportiert, liegt der Wert nur noch bei 0,6. Ananas aus der Dose sind auch nicht wirklich zu empfehlen (1,8 kg CO2e).
  • Dosen-Champignons: Durch den aufwendigen Produktionsprozess haben diese Pilze einen CO2-Fußabdruck von 2,4. Frische Champignons schneiden besser ab (1,3 kg CO2e).
  • Getrocknete Erbsen: Der CO2-Fußabdruck liegt bei 2,3 kg CO2e. Die bessere Wahl sind frische Erbsen in Schoten (0,4 kg CO2e).
  • Tomaten im Winter: Auch deutsche Tomaten belasten im Winter das Klima stark, mit einem CO2-Fußabdruck von 2,9 kg CO2e. Der Grund: Die Tomaten werden in der Regel in Treibhäusern gezüchtet, für die ein hoher Energieaufwand beim Beheizen nötig ist. Viel besser sind saisonale deutsche Tomaten mit einem Fußabdruck von 0,3 kg CO2e. Auch Tomatenmark hat übrigens einen großen CO2-Fußabdruck von 4,3 kg CO2e.
  • Erdbeeren im Winter: Im Winter frische Erdbeeren zu kaufen, belastet das Klima mit einem CO2-Fußabdruck von 3,4 kg CO2e. Tiefkühl-Erdbeeren sind im Winter besser (0,7 kg CO2e).

Welche Rolle spielt der Einkauf in puncto Nachhaltigkeit?

„Wer direkt beim Hersteller oder Hofladen einkauft, kann sich dort informieren, wo das Lebensmittel herkommt und wie es erzeugt wurde. Im Supermarkt helfen Saisonkalender zu erkennen, in welchen Monaten Obst und Gemüse aus heimischem Anbau verfügbar ist. Für andere Lebensmittel wie Fleisch, Eier, Milch hilft die gesetzlich vorgeschriebene Herkunftsangabe zu erkennen, ob es sich um Produkte aus der Region bzw. aus Deutschland handelt.“

An welcher Schraube können wir zusätzlich drehen?

„Die Forschenden der EAT-Lancet-Kommission betonen in ihrem Report, dass die Planetary Health Diet und ihre definierten Ziele für eine nachhaltige Lebensmittelerzeugung nur innerhalb der planetaren Grenzen bleiben, wenn gleichzeitig die Lebensmittelabfälle halbiert werden. Hier sind also die Verbraucher zu Hause gefragt. Denn dort wird leider viel zu viel weggeworfen – also Lebensmittel, deren Herstellung schon reichlich CO2 erzeugt hat. Hierbei sind nicht nur abgelaufene Produkte aus dem Kühlschrank gemeint, sondern auch Reste auf dem Teller, die eigentlich zu schade sind, um sie in die Tonne zu werfen. Denn hier kommt ja noch weiteres CO2 hinzu, das durch die Zubereitung verbraucht wurde.“

DGE-Podcast zur Planetary Health Diet

Titelbild der DGE-Podcast-Folge mit Prof. Watzl

Im DGE-Podcast redet Prof. Bernhard Watzl über individuelle Gesundheit, die Planetary Health Diet und darüber, wie die DGE zu ihren Empfehlungen kommt:

https://wie-wollen-wir-essen.podigee.io/3-folge3


Titelbild: smolaw11/stock.adobe.com


Stand: Januar 2024

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